Hildegard Peplau versteht Pflege als zwischenmenschlichen Prozess zwischen Pflegender und Patient. Die Beziehung durchläuft vier Phasen: Orientierung, Identifikation, Ausbeutung und Ablösung. In jeder Phase übernimmt die Pflegende eine andere Rolle, von der Fremden bis zur Beraterin.
Inhalt
Wer war Hildegard Peplau?
Hildegard E. Peplau (1909-1999) war eine amerikanische Pflegewissenschaftlerin. Sie gilt als eine der Begründerinnen der psychiatrischen Pflege als eigenständige Fachrichtung.
1952 veröffentlichte sie ihr Werk „Interpersonal Relations in Nursing“. Darin beschreibt sie Pflege erstmals systematisch als zwischenmenschlichen Prozess, nicht nur als Ausführung von Maßnahmen.
Peplau griff dabei mehrere Denkrichtungen auf:
- die Motivationstheorie von Abraham Maslow
- die Persönlichkeitstheorie von Neal Miller
- das Reiz-Reaktionsmodell nach Iwan Pawlow
- Arbeiten von Erik Erikson, Sigmund Freud und Erich Fromm
Den größten Einfluss hatte jedoch der Psychiater Harry Stack Sullivan. Seine interpersonelle Psychiatrie geht davon aus, dass menschliches Verhalten vom Wunsch nach Befriedigung und vom Wunsch nach Sicherheit angetrieben wird. Peplau übertrug diesen Gedanken auf die Pflege (Kühne-Ponesch 2004, S. 127).
Die Theorie der zwischenmenschlichen Beziehungen
Peplau prägte den Begriff der psychodynamischen Pflege. Damit stellt sie die Beziehung zwischen Pflegender und Patient in den Mittelpunkt, nicht die einzelne Maßnahme.
Sie wollte klären, was genau passiert, wenn sich eine Pflegende einem Patienten unterstützend zuwendet. Ihre eigene Definition lautet:
„Die Persönlichkeit einer Pflegenden ist für den Lernprozess des Patienten von Bedeutung. Die Förderung der Persönlichkeit zum reifen Menschen ist Aufgabe der Pflege und der Pflegeausbildung. Methoden der Bearbeitung und des Verstehens von zwischenmenschlichen Beziehungen müssen deshalb Inhalt der Lehre sein“ (Kühne-Ponesch 2004, S. 127).
Für Peplau ist Pflege damit auch ein Erziehungsinstrument. Ziel ist die Persönlichkeitsentwicklung beider Seiten, nicht nur die Genesung des Patienten.
Die vier Phasen der Pflegebeziehung im Überblick
Peplau beschreibt vier Phasen. Sie geben Auskunft darüber, auf welchem Stand sich die Beziehung zwischen Pflegender und Patient befindet.
| Phase | Was in dieser Phase passiert | Typische Rolle der Pflegenden |
|---|---|---|
| Orientierung | Der Patient sucht wegen eines Leidensdrucks professionelle Hilfe. Pflegende und Patient benennen gemeinsam das Problem. | Fremde, Auskunftsperson |
| Identifikation | Der Patient beginnt, sich mit der helfenden Person zu identifizieren. Vertrauen entsteht. | Lehrerin, Führungsperson |
| Ausbeutung | Der Patient zieht aktiv Nutzen aus dem Angebot der Pflegenden. Er verfolgt eigene, neu formulierte Ziele. | Führungsperson, Stellvertreterin |
| Ablösung | Alte Ziele sind erreicht oder verworfen. Der Patient löst sich aus der Beziehung und übernimmt wieder selbst Verantwortung. | Beraterin, Lehrerin |
„Ausbeutung“ klingt im Deutschen negativ. Gemeint ist damit aber nur, dass der Patient die angebotenen Ressourcen nutzt, nicht, dass er ausgenutzt wird. Im Original steht dafür der englische Begriff „exploitation“ im Sinn von Ressourcennutzung.
Beispiel: Die vier Phasen in der Praxis
Ein Beispiel macht das Modell greifbar. Frau K., 68 Jahre, kommt nach einer Hüft-Operation auf die Station.
Orientierung
Frau K. hat Schmerzen und Angst vor dem ersten Aufstehen. Sie sucht Hilfe bei der Pflegenden. Diese hört zu und benennt gemeinsam mit ihr das Problem: die Angst vor Bewegung.
Identifikation
Frau K. beginnt, der Pflegenden zu vertrauen. Sie hält sich an deren Anleitung zum Aufstehen und übernimmt erste kleine Schritte selbst.
Ausbeutung
Frau K. nutzt die Anleitung aktiv. Sie übt eigenständig mit dem Rollator und formuliert ein neues Ziel: allein zur Toilette gehen.
Ablösung
Frau K. erreicht ihr Ziel. Sie braucht die Pflegende nicht mehr für jeden Schritt und übernimmt wieder die Verantwortung für ihren Alltag.
Die sechs Rollen der Pflegenden nach Peplau
Peplau beschreibt sechs Rollen, die eine Pflegende im Lauf der Beziehung einnimmt (Kühne-Ponesch 2004, S. 129 ff):
- Rolle der Fremden, nimmt den Patienten zunächst wertneutral an, wie eine fremde Person auch
- Hilfsperson / Auskunftsperson, beantwortet Fragen, ordnet Informationen ein
- Lehrerrolle, vermittelt Wissen und leitet an
- Führungsrolle, unterstützt den Patienten dabei, Verantwortung zu übernehmen
- Stellvertreterrolle, vertritt die Interessen des Patienten
- Beraterrolle, hilft, die eigene Situation zu verstehen und einzuordnen
Diese Rollen sind keine Berufsbezeichnungen. Sie beschreiben Funktionen innerhalb einer Beziehung, die je nach Phase wechseln.
Was Peplau von Pflegenden ausdrücklich nicht will
Peplau nennt auch Verhaltensweisen, die eine Pflegende innerhalb dieser Rollen vermeiden sollte:
- den Patienten mit Erzählungen aus dem eigenen Leben belasten
- einen Patienten zum Lieblingspatienten erheben und das im Alltag zeigen
- den Patienten für kleine Botengänge einspannen
- bei Streit zwischen Patienten als Schiedsrichterin auftreten
- Abhängigkeitsäußerungen wie „ich bin hilflos“ unwidersprochen bestärken
- das Verhalten anderer Pflegekräfte mit dem Patienten besprechen
- sich auf eine kumpelhafte Beziehung mit dem Patienten einlassen
- mehrdeutige Aussagen machen
Gesundheit und Krankheit nach Peplau
Peplau versteht Gesundheit als Ergebnis von Wachstum. Wachstum bedeutet für sie Persönlichkeitsentwicklung.
„Gesundheit kann durch ‚Wachstum‘ erreicht werden. Wachstum […] vollzieht sich, wenn es gelingt, Krankheitserfahrungen in die Persönlichkeit zu integrieren und daraus zu lernen“ (Kühne-Ponesch 2004, S. 129).
Krankheit ist für Peplau eine unvermeidliche menschliche Erfahrung. Wer einen Sinn darin findet, kann sie als Wachstumserfahrung erleben, statt nur als Rückschlag.
Häufige Missverständnisse
- Die Ausbeutungsphase klingt nach etwas Schlechtem. Gemeint ist nur die aktive Nutzung von Ressourcen durch den Patienten.
- Die vier Phasen laufen streng nacheinander ab. In der Praxis überlappen sie sich, und ein Rückschritt ist möglich.
- Peplaus Modell wird mit dem psychobiografischen Modell nach Böhm verwechselt. Beide beschäftigen sich mit der Beziehung, aber Böhm zielt auf verwirrte alte Menschen, Peplau auf den Pflegeprozess allgemein.
- Peplau wird als Bedürfnismodell eingeordnet. Sie beschreibt einen Beziehungsprozess, kein Bedürfnismodell wie bei Virginia Henderson oder Dorothea Orem.
- Die sechs Rollen gelten als feste Reihenfolge. Mehrere Rollen können gleichzeitig auftreten, abhängig von der Phase und der Situation.
Häufige Fragen
Wann veröffentlichte Peplau ihre Theorie?
1952, in ihrem Buch „Interpersonal Relations in Nursing“.
Wie viele Phasen hat die Pflegebeziehung nach Peplau?
Vier: Orientierung, Identifikation, Ausbeutung und Ablösung.
Was unterscheidet Peplaus Theorie von anderen Pflegemodellen?
Peplau stellt die Beziehung zwischen Pflegender und Patient in den Mittelpunkt, nicht einen Bedürfniskatalog oder ein Stufenmodell der Selbstpflege.
Wie viele Rollen nimmt die Pflegende nach Peplau ein?
Sechs: Fremde, Hilfsperson, Lehrerin, Führungsperson, Stellvertreterin, Beraterin.
Wird Peplaus Theorie heute noch in der Ausbildung gelehrt?
Ja. Sie gehört zu den Standardtheorien in Pflegeausbildung und Pflegepädagogik, besonders zum Thema Beziehungsgestaltung.
Quellen
- Peplau, H. E. (1952): Interpersonal Relations in Nursing. New York: G. P. Putnam’s Sons.
- Kühne-Ponesch, S. (2004): Modelle und Theorien in der Pflege. Wien: Facultas.
Peplaus Theorie ist Kernstoff in Prüfungen zur Beziehungsgestaltung. Wie Du diese Beziehung in der Praxis anleitest und reflektierst, lernst Du in der Weiterbildung zur Praxisanleitung.
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