Tom Kitwood beschrieb fünf seelische Grundbedürfnisse, die sich im Bedürfnis nach Liebe vereinen: Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität. Dargestellt werden sie meist als Blüte mit fünf Blütenblättern, die Kitwood-Blume. Daneben beschrieb Kitwood zehn personenzentrierte Interaktionsformen, die in der deutschsprachigen Pflegepraxis meist auf zwölf erweitert werden.
Inhalt
Wer war Tom Kitwood?
Tom Kitwood (1937 bis 1998) war britischer Psychologe und Gerontologe. 1992 gründete er die Bradford Dementia Group an der University of Bradford. Wenn Du mit Menschen mit Demenz arbeitest, bist Du seinem Denken vermutlich schon begegnet, auch ohne den Namen zu kennen.
1997 veröffentlichte Kitwood sein Hauptwerk „Dementia Reconsidered: The Person Comes First“. Darin widersprach er der rein medizinischen Sicht auf Demenz. Für ihn stand die Persönlichkeit des erkrankten Menschen im Mittelpunkt, nicht nur der fortschreitende Abbau. Die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel „Demenz: Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten, kognitiv beeinträchtigten Menschen“, zuletzt 2022 in neunter, vollständig überarbeiteter Auflage bei Hogrefe.
Personzentrierte Pflege: Abschied von der alten Kultur
Kitwood stellte der damals üblichen Sicht auf Demenz eine neue gegenüber. Die alte Kultur erklärte Verhalten fast ausschließlich aus dem Hirnabbau: Wer schreit, ruft oder sich wehrt, gilt als Symptom, nicht als Mensch mit einem unerfüllten Bedürfnis.
Kitwood nannte Umgangsformen, die Personsein untergraben, „bösartige Sozialpsychologie“: Ignorieren, Bevormunden, Etikettieren oder Beschämen gehören dazu, oft unabsichtlich im Pflegealltag. Sein Gegenentwurf ist die personzentrierte Pflege. Sie liest Verhalten als Kommunikation, nicht als Störung, und fragt zuerst, welches Bedürfnis dahintersteckt.
Die fünf seelischen Bedürfnisse nach Kitwood
Nach Kitwood haben alle Menschen fünf große, einander überschneidende seelische Bedürfnisse. Sie laufen im zentralen Bedürfnis nach Liebe zusammen, die Grenzen zwischen ihnen sind fließend.
| Bedürfnis | Englischer Begriff | Kernaussage |
|---|---|---|
| Trost | Comfort | Nähe, Wärme und Geborgenheit, besonders in Momenten von Angst, Schmerz oder Verlust. |
| Bindung | Attachment | Sichere, verlässliche Beziehungen zu vertrauten Menschen. |
| Einbeziehung | Inclusion | Dazugehören, Teil einer Gruppe oder Gemeinschaft sein. |
| Beschäftigung | Occupation | Die eigenen Fähigkeiten sinnvoll einsetzen können. |
| Identität | Identity | Wissen, wer man ist, verbunden mit der eigenen Lebensgeschichte. |
Jedes Bedürfnis wird im Pflegealltag konkret, nicht nur als Begriff:
- Trost: Eine Pflegefachkraft hält die Hand einer Bewohnerin, die nach dem Tod ihres Mannes weint, und bleibt einfach da, ohne sofort abzulenken.
- Bindung: Ein Bewohner sucht immer wieder dieselbe Bezugspflegekraft. Feste Zuständigkeiten geben ihm Sicherheit, wo Erinnerung nicht mehr trägt.
- Einbeziehung: Eine Pflegekraft setzt einen Bewohner beim Mittagessen bewusst an den Tisch, an dem gesprochen wird, statt ihn allein essen zu lassen, weil das schneller geht.
- Beschäftigung: Eine Bewohnerin, die früher genäht hat, sortiert Wäscheknöpfe nach Farben. Die Tätigkeit knüpft an ihre Biografie an, statt sie nur ruhigzustellen.
- Identität: Eine Pflegekraft spricht einen Bewohner mit seinem früheren Beruf an, „Herr Meier, der Elektriker“. Das bestätigt seine Identität, statt ihn nur als Pflegefall zu behandeln.
Die Kitwood-Blume: Warum ein Blütenbild?
Die fünf Bedürfnisse werden in der Pflegeausbildung und Fortbildung meist als Blüte dargestellt, die Kitwood-Blume. Liebe steht im Zentrum, die fünf Bedürfnisse bilden die Blütenblätter darum.
Das Bild passt besser als eine Rangfolge oder Pyramide. Die Bedürfnisse überschneiden sich, keines ist wichtiger als ein anderes, und ein Mensch kann mehrere gleichzeitig spüren. Eine Blüte zeigt genau das: fünf gleichwertige Blätter, die alle aus derselben Mitte wachsen. Deshalb ist das Bild in der deutschsprachigen Pflegepraxis so verbreitet, auch wenn Kitwoods eigenes Buch die Bedürfnisse vor allem im Text beschreibt und nicht als eine einzelne, benannte Original-Grafik.
Die 12 personenzentrierten Ansätze nach Kitwood
Neben den fünf Bedürfnissen beschrieb Kitwood ein zweites, eigenständiges Konzept: konkrete Formen positiver Interaktion, mit denen Pflegende und Angehörige diese Bedürfnisse im Alltag erfüllen. Kitwoods englischsprachiges Original nennt zehn solcher Interaktionsformen, „Positive Person Work“. In der deutschsprachigen Pflegefortbildung hat sich eine auf zwölf erweiterte Liste durchgesetzt.
| Nr. | Ansatz | Was er im Alltag bedeutet |
|---|---|---|
| 1 | Anerkennen als Person | Der Mensch wird mit Namen begrüßt, angesehen und ernst genommen. |
| 2 | Verhandeln | Wünsche werden erfragt und gemeinsam ausgehandelt, statt einfach entschieden. |
| 3 | Zusammenarbeiten | Pflegende tun Dinge mit dem Menschen, nicht nur an ihm. |
| 4 | Spielen | Gemeinsame Zeit ohne festen Zweck, nur um der Freude willen. |
| 5 | Timalation | Ansprache der Sinne durch Berührung, Düfte, Musik oder Geschmack. |
| 6 | Feiern | Gemeinsame Freude an besonderen Momenten, groß oder klein. |
| 7 | Entspannen | Ruhephasen ohne Zeitdruck und ohne Überforderung. |
| 8 | Validation | Gefühle werden als real anerkannt, auch wenn die Wahrnehmung von der Realität abweicht. |
| 9 | Halten | Sicherheit geben, körperlich oder durch ruhige Präsenz, in Momenten von Angst. |
| 10 | Erleichtern | Unterstützung, die eigenes Handeln ermöglicht, statt es zu übernehmen. |
| 11 | Schaffen | Spontaner kreativer Ausdruck, etwa Singen, Malen oder Musizieren, oft anknüpfend an die eigene Biografie. |
| 12 | Geben | Dankbarkeit oder Zuwendung von der Bewohnerin annehmen, statt sie nur zu versorgen. |
Die zwölf Ansätze sind kein Ersatz für die fünf Bedürfnisse. Sie sind das Handwerkszeug, mit dem Du sie im Alltag füllst. Wer zum Beispiel verhandelt statt bevormundet, erfüllt damit Einbeziehung und Identität gleichzeitig.
Was das für Pflegeplanung und Alltag bedeutet
Die britische Pflegewissenschaftlerin Dawn Brooker hat Kitwoods Ansatz zum VIPS-Modell weiterentwickelt: Value (Wertschätzung des Menschen mit Demenz und seiner Pflegenden), Individuality (den Einzelnen sehen, nicht die Diagnose), Perspective (die Welt aus seiner Sicht verstehen) und Social psychology (ein soziales Umfeld schaffen, in dem Wohlbefinden möglich ist).
Für die Pflegeplanung heißt das: Biografie und aktuelle Bedürfnisse gehören in jeden Plan, nicht nur Diagnosen und Maßnahmen. Ein fester Tagesablauf ist kein Selbstzweck, wenn er Bindung und Beschäftigung ermöglicht. Und eine Verhaltensauffälligkeit ist zuerst eine Frage, welches der fünf Bedürfnisse gerade unerfüllt bleibt, bevor sie zum Problem erklärt wird.
Häufige Fragen
Was ist die Kitwood-Blume?
Die gebräuchliche Darstellung von Kitwoods fünf seelischen Bedürfnissen als Blüte mit fünf Blütenblättern, Liebe im Zentrum.
Was unterscheidet die fünf Bedürfnisse von den 12 personenzentrierten Ansätzen?
Die fünf Bedürfnisse beschreiben, was ein Mensch mit Demenz seelisch braucht. Die zwölf Ansätze beschreiben, wie Pflegende diese Bedürfnisse konkret im Alltag erfüllen können. Es sind zwei verschiedene Konzepte desselben Ansatzes.
Wer war Tom Kitwood?
Ein britischer Psychologe und Gerontologe, der 1997 mit „Dementia Reconsidered“ die personzentrierte Pflege von Menschen mit Demenz begründete.
Ist Kitwoods Ansatz heute noch Standard?
Ja. Der DNQP-Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz beruft sich ausdrücklich auf Kitwoods personzentrierten Ansatz.
Was bedeutet personzentrierte Pflege für meinen Alltag?
Verhalten als Kommunikation lesen statt als Störung, und bei jeder Maßnahme fragen, welches der fünf Bedürfnisse sie erfüllt.
Quellen
- Kitwood, T. (1997): Dementia Reconsidered: The Person Comes First. Buckingham: Open University Press.
- Kitwood, T. (2022): Demenz: Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten, kognitiv beeinträchtigten Menschen. Hrsg. von Dawn Brooker, Christian Müller-Hergl und Helen Güther. 9., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Bern: Hogrefe.
- Brooker, D. (2008): Person-zentriert pflegen: Das VIPS-Modell zur Pflege und Betreuung von Menschen mit einer Demenz. Deutschsprachige Ausgabe hrsg. von Christian Müller-Hergl und Detlef Rüsing. Bern: Huber.
Menschen mit Demenz gut zu begleiten ist erlernbar. Der Kurs Demenzexperte vermittelt genau das. Die fachliche Grundlage für gerontopsychiatrisches Arbeiten legt die Gerontopsychiatrische Basisqualifikation.



