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Kontinenzprofile in der Pflege: die 6 Profile einfach erklärt

HÖHER Akademie für Pflegeberufe
Redaktion: Denis Liebscher
Illustration zum Beitrag: Inkontinenz – Grundlagen zum Refresh

Kontinenzprofile kurz erklärt
Ein Kontinenzprofil beschreibt, wie gut jemand Blase und Darm kontrollieren kann und wie viel Unterstützung dafür nötig ist. Der Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege unterscheidet sechs Profile: Kontinenz, unabhängig erreichte Kontinenz, abhängig erreichte Kontinenz, unabhängig kompensierte Inkontinenz, abhängig kompensierte Inkontinenz und nicht kompensierte Inkontinenz. Seit der Aktualisierung 2024 gilt der Standard für Harn- und Stuhlinkontinenz.

Was ist Inkontinenz?

Inkontinenz ist jeder unfreiwillige Verlust von Urin oder Stuhl. Kontinenz ist die Fähigkeit, Blase oder Darm willkürlich und zur passenden Zeit an einem geeigneten Ort zu entleeren.

Rund 10 Millionen Menschen in Deutschland sind von Harn- oder Stuhlinkontinenz betroffen.
Quelle: Deutsche Kontinenz Gesellschaft, Pressemitteilung zur Welt-Kontinenz-Woche, 16.06.2025.

Das Thema ist bis heute schambesetzt. Viele Betroffene suchen keine professionelle Hilfe und sprechen nicht darüber. Manche halten Probleme beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang für einen normalen Teil des Alterns.

Als Pflegekraft klärst Du auf, berätst und sorgst dafür, dass die passenden Hilfsmittel vor Ort sind und richtig genutzt werden. Der Expertenstandard verlangt dafür einen achtsamen Sprachgebrauch. Begriffe aus der Säuglingspflege wie „Windel“, „trockenlegen“ oder „pampern“ gehören nicht in die Pflege von Erwachsenen.

Quelle: DNQP, Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024, Präambel.

Welche Formen der Harninkontinenz gibt es?

Harninkontinenz hat unterschiedliche Ursachen. Die Form entscheidet über die passende Maßnahme.

Belastungsinkontinenz

Urin geht bei körperlicher Belastung ab, etwa beim Husten, Niesen, Lachen, Heben oder Tragen. Meist tritt er in Spritzern auf. Bei Frauen ist häufig eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur nach Schwangerschaft oder Geburt die Ursache. Bei Männern kommt sie oft nach einer Prostata-Operation vor.

Dranginkontinenz

Ein überfallartiger Harndrang tritt auf, dem Du nicht mehr standhalten kannst. Der Urin geht meist im Schwall ab. Mögliche Ursachen sind eine instabile Blasenmuskulatur, eine Blasenentzündung oder ein Tumor. Eine neurologische Erkrankung muss dabei immer ausgeschlossen werden.

Mischinkontinenz

Belastungs- und Dranginkontinenz treten gleichzeitig auf.

Überlaufinkontinenz

Die Blase ist voll und Urin läuft unkontrolliert über. Ursache ist meist eine blockierte Harnröhre oder eine zu schwache Blasenmuskulatur, zum Beispiel durch eine vergrößerte Prostata, Harnsteine oder einen Tumor. Männer sind hier häufiger betroffen als Frauen.

Reflexinkontinenz

Das Gefühl für eine volle Blase geht verloren, die Blase entleert sich plötzlich. Ursache ist eine Schädigung des Nervensystems, bei der spinalen Form konkret des Rückenmarks. Es besteht keine willkürliche Kontrolle mehr über Blase und Schließmuskel.

Extraurethrale Inkontinenz

Urin geht nicht über die Harnröhre ab, sondern über einen fehlgebildeten oder erworbenen Gang. Bei Kindern sind das meist Fehlanlagen der Harnwege. Bei Erwachsenen sind es meist Fisteln, etwa zwischen Blase und Scheide. Eine Operation kann den natürlichen Ausscheidungsweg oft wiederherstellen.

Seit der Aktualisierung 2024 deckt der Expertenstandard auch die Stuhlinkontinenz ab. Sie gilt als wiederkehrender unkontrollierter Stuhlgang über mindestens drei Monate. Aus pflegerischer Sicht ergeben sich Maßnahmen aber unabhängig von dieser Zeitspanne.
Quelle: DNQP, Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024, nach der Definition der United European Gastroenterology (UEG 2022).

Der Expertenstandard Kontinenzförderung: was sich 2024 geändert hat

Stand des Expertenstandards
Der Standard hieß bis 2024 „Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“. Die zweite Aktualisierung (Stand Januar 2024) trägt den Titel „Kontinenzförderung in der Pflege“. Sie schließt erstmals auch die Stuhlkontinenz ein.
Quelle: DNQP, Aktualisierung 2024.

bis 2024 ab Aktualisierung 2024
Titel Förderung der Harnkontinenz in der Pflege Kontinenzförderung in der Pflege
Fassung 1. Aktualisierung 2014 2. Aktualisierung 2024
Umfang nur Harnkontinenz Harn- und Stuhlkontinenz

Der Standard wurde ursprünglich 2006 eingeführt. Die Kontinenzprofile hat die damalige Expertenarbeitsgruppe 2006 entwickelt. Die Einteilung hat sich laut DNQP als praktikabel erwiesen und wurde bei der ersten Aktualisierung übernommen. In der zweiten Aktualisierung 2024 wurde sie um die Stuhlkontinenz erweitert.
Quelle: DNQP, Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024, Präambel.

Welche Kontinenzprofile gibt es?

Ein Kontinenzprofil zeigt, wie viel Unterstützung eine Person braucht, um mit Blase oder Darm zurechtzukommen. Der Expertenstandard unterscheidet sechs Profile.

Profil Merkmal
Kontinenz Kein unwillkürlicher Urin- oder Stuhlverlust. Keine Maßnahmen der Kontinenzförderung und keine personelle Unterstützung nötig.
Unabhängig erreichte Kontinenz Kein unwillkürlicher Verlust, aber nur durch eigenständig durchgeführte Maßnahmen, zum Beispiel feste Toilettenzeiten oder selbst durchgeführtes Training.
Abhängig erreichte Kontinenz Kein unwillkürlicher Verlust, aber nur mit personeller Unterstützung, zum Beispiel Begleitung zur Toilette oder Erinnerung durch die Pflegekraft.
Unabhängig kompensierte Inkontinenz Unwillkürlicher Verlust liegt vor. Die Person versorgt sich selbstständig mit Hilfsmitteln.
Abhängig kompensierte Inkontinenz Unwillkürlicher Verlust liegt vor. Die Versorgung mit Hilfsmitteln braucht personelle Unterstützung.
Nicht kompensierte Inkontinenz Unwillkürlicher Verlust liegt vor, die Inkontinenz ist unversorgt.

Kontinenz

Die Person verliert weder Urin noch Stuhl unwillkürlich. Sie braucht weder Maßnahmen der Kontinenzförderung noch personelle Unterstützung.

Unabhängig erreichte Kontinenz

Es geht nichts unwillkürlich verloren, aber nur durch Maßnahmen, die die Person selbst durchführt, zum Beispiel feste Toilettenzeiten oder eigenes Training. Sie braucht dafür keine Unterstützung durch Dich.

Abhängig erreichte Kontinenz

Es geht nichts unwillkürlich verloren, aber nur mit personeller Unterstützung, zum Beispiel durch Begleitung zur Toilette oder Erinnerung durch die Pflegekraft. Der Unterschied zur unabhängig erreichten Kontinenz ist also die Hilfe, die Du leistest.

Unabhängig kompensierte Inkontinenz

Der unwillkürliche Verlust liegt vor. Die Person gleicht ihn mit Hilfsmitteln aus und versorgt sich dabei selbstständig.

Abhängig kompensierte Inkontinenz

Der unwillkürliche Verlust liegt vor, und die Versorgung mit Hilfsmitteln braucht personelle Unterstützung. Mehr dazu im Abschnitt zur abhängig kompensierten Inkontinenz.

Nicht kompensierte Inkontinenz

Der unwillkürliche Verlust liegt vor, die Inkontinenz ist unversorgt. Hier besteht Handlungsbedarf, weil eine Versorgung fehlt.

Das Profil gehört in die Pflegedokumentation. Es hilft dabei, den Hilfebedarf einzuschätzen und die richtigen Maßnahmen zu wählen, und es wird nach jeder Maßnahme neu bewertet.
Quelle: DNQP, Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024.

Was ist eine abhängig kompensierte Inkontinenz?

Bei einer abhängig kompensierten Inkontinenz kann eine Person Urin oder Stuhl nicht mehr willkürlich halten. Der Verlust wird mit Hilfsmitteln ausgeglichen, zum Beispiel mit Inkontinenzeinlagen oder ableitenden Systemen. Die Person kann sich dabei aber nicht komplett selbst versorgen. Sie braucht personelle Unterstützung, etwa beim Wechseln der Hilfsmittel oder bei der Hautpflege.

Beispiel: ein Kontinenzprofil in der Praxis

Ein fiktives Beispiel: Frau Berger ist 84 Jahre alt und lebt in einer stationären Einrichtung. Sie verliert unwillkürlich Urin und kann Inkontinenzeinlagen wegen einer eingeschränkten Handfunktion nicht selbst wechseln. Beim Toilettengang braucht sie Begleitung, weil ihr Gleichgewicht unsicher ist.

Die Pflegefachkraft schätzt Frau Berger als abhängig kompensierte Inkontinenz ein: Der Verlust liegt vor, die Versorgung mit Hilfsmitteln gelingt nur mit personeller Unterstützung. Daraus ergeben sich zwei Maßnahmen: feste Zeiten für den Wechsel der Hilfsmittel und eine Begleitung beim Toilettengang, wann immer Frau Berger danach fragt.

Nach vier Wochen wird überprüft, ob sich am Unterstützungsbedarf etwas geändert hat, und das Profil wird bei Bedarf angepasst.

Schritt für Schritt: Kontinenzprofil einschätzen und dokumentieren

  1. Erste Einschätzung. Zu Beginn des Pflegeauftrags schätzt Du Risikofaktoren und Anzeichen für eine Inkontinenz ein.
  2. Vertiefte Einschätzung. Liegt ein Kontinenzproblem vor, schätzt Du es vertieft ein. Bei Bedarf ziehst Du eine erweiterte pflegerische Kontinenzexpertise hinzu und stimmst Dich mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt ab.
  3. Kontinenzprofil bestimmen. Du ordnest die Person einem der sechs Profile zu und hältst das Ergebnis in der Pflegedokumentation fest.
  4. Ziele und Maßnahmen planen. Gemeinsam mit der betroffenen Person, auf Wunsch mit ihren Angehörigen, legst Du Ziele fest, etwa den Erhalt oder das Erreichen eines besseren Profils.
  5. Maßnahmen umsetzen. Du setzt die geplanten Maßnahmen um, von Toilettentraining bis zur Auswahl passender Hilfsmittel, und dokumentierst sie.
  6. Wirkung überprüfen. In individuell festgelegten Abständen prüfst Du den Erfolg und passt das Vorgehen gemeinsam mit der betroffenen Person an.

Quelle: DNQP, Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024, Prozesskriterien P1 bis P5.

Häufige Fehler bei der Einschätzung

  • Das Kontinenzprofil wird einmal festgelegt und danach nie wieder überprüft.
  • Sprache aus der Säuglingspflege wird verwendet, etwa „Windel“ oder „trockenlegen“.
  • Angehörige werden informiert, ohne vorher die betroffene Person zu fragen.
  • Hilfsmittel werden aus Gewohnheit gewählt statt nach einer Einschätzung.
  • Toilettentraining findet statt, taucht aber nicht in der Pflegedokumentation auf.
  • Die Ursache der Inkontinenz wird nicht abgeklärt, bevor Hilfsmittel eingesetzt werden.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Harninkontinenz und Stuhlinkontinenz?
Harninkontinenz ist der unfreiwillige Verlust von Urin. Stuhlinkontinenz ist der wiederkehrende unkontrollierte Stuhlgang über mindestens drei Monate. Seit der Aktualisierung 2024 deckt der Expertenstandard beide Formen ab.

Muss ein Kontinenzprofil in der Pflegedokumentation stehen?
Ja. Der Expertenstandard verlangt, dass bei bestehenden Kontinenzproblemen eine vertiefte Einschätzung und eine Beschreibung des Kontinenzprofils vorliegen.

Wie oft wird ein Kontinenzprofil überprüft?
In individuell festgelegten Abständen und immer dann, wenn sich die Pflegesituation ändert.

Was bedeutet „erreichte Kontinenz“?
Die Person verliert keinen Urin oder Stuhl unwillkürlich, braucht dafür aber Maßnahmen wie Toilettentraining oder feste Zeiten. „Unabhängig“ heißt, sie führt diese Maßnahmen selbst durch. „Abhängig“ heißt, sie braucht dafür personelle Unterstützung.

Wer entscheidet, ob Angehörige einbezogen werden?
Die betroffene Person selbst. Der Expertenstandard verlangt ausdrücklich Rücksprache, bevor Angehörige informiert oder in die Versorgung einbezogen werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Inkontinenz ist der unfreiwillige Verlust von Urin oder Stuhl und betrifft rund 10 Millionen Menschen in Deutschland.
  • Seit der Aktualisierung 2024 heißt der Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege“ und deckt Harn- und Stuhlinkontinenz ab.
  • Er unterscheidet sechs Kontinenzprofile, von Kontinenz bis nicht kompensierter Inkontinenz.
  • Das Profil gehört in die Pflegedokumentation und wird regelmäßig überprüft.

Quellen

  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024, Auszug aus der Veröffentlichung, Stand Januar 2024, abgerufen am 25.08.2026.
  • DNQP: Kontinenzprofile (Namen und Kennzeichen der sechs Profile), Arbeitsgruppenfolien Boguth, dnqp.de, abgerufen am 07.10.2026.
  • Deutsche Kontinenz Gesellschaft: Pressemitteilung zur Welt-Kontinenz-Woche 2025, veröffentlicht am 16.06.2025.

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